Ich glaube; hilf meinem Unglauben.

Markus 9,24Januar 2020

Gedanken zur Jahreslosung
Eine Geschichte über Vertrauen (nach Markus 9, 14-27)

Ich wollte doch nur, dass meinem Kleinen endlich geholfen wird. Ich kann es einfach
nicht mehr ertragen, wie sehr er leidet. Er war doch so ein süßes Baby und dann
kam der böse Geist über ihn und quälte ihn so fürchterlich – Jahr um Jahr.
Ständig mussten wir aufpassen, dass dieser Geist ihn nicht in den Tod trieb.
Aus dem Wasser musste ich ihn schon ziehen und vom Lagerfeuer habe ich meinen
Sohn auch schon wegzerren müssen. Meine arme Frau wurde darüber ganz
trübsinnig. Keiner konnte uns helfen. Und dann hörte ich von unserem Nachbarn,
dass der berühmte Rabbi mit seinen Schülern zu uns in die Nähe kam. Heute Morgen bin ich mit meinem
Sohn dann los gezogen, um ihn aufzusuchen. Nie werde ich den Blick meiner Frau
vergessen, mit der sie mich angesehen hat. Nach langer Zeit keimte wieder so
etwas wie Hoffnung in ihr auf. Ich darf sie nicht enttäuschen.

Und jetzt stehe ich hier und um mich herum streiten sich die Leute. Welch eine
Enttäuschung. Der Meister ist nicht da und seine Schüler konnten meinem Sohn
nicht helfen. Nicht, dass sie es nicht versucht hätten. Erst erschienen sie mir
sogar etwas großspurig: „Das ist gar kein
Problem – wir legen ihm die Hände auf, und dann wird es Deinem Sohn schnell
besser gehen.“ Als das aber nicht klappte, wurden sie schnell nervös und
wirkten irgendwann ziemlich hilflos. Und ich wurde immer verzweifelter. Meine
letzte Hoffnung schien vollkommen umsonst gewesen zu sein. Ich hätte so gern
geglaubt, dass der Gott, auf den sich die Leute berufen, meinen Sohn heilen könnte.

Dann wurde es plötzlich noch schlimmer. Denn einige Schriftgelehrten waren auch dort
und fingen einen Streit mit den Schülern des Meisters an: „Wie könnt ihr behaupten,
im Namen Gottes heilen zu können. Ihr macht den Menschen falsche Hoffnung und
gaukelt ihnen etwas vor!“ Die Schüler wehrten sich und es kam zu einem heftigen Streit. Immer mehr
Menschen kamen hinzu und die Atmosphäre wurde immer hitziger. Mir war das
Aufsehen, das ich mit meinem Anliegen erzeugte, sehr unangenehm. Ich
wollte doch nur, dass meinem Kind geholfen wurde. Inzwischen glaubte ich aber
kaum noch, dass irgendjemand ihm helfen konnte. Ich wurde immer verzweifelter.

Und plötzlich stand der Rabbi mitten zwischen den Menschen und alle erschraken sich
ganz furchtbar – auch ich. Als er fragte, was denn hier los sei, fasste ich
allen Mut zusammen und erklärte ihm mein Anliegen. Ich erzählte ihm, dass seine
Schüler nicht helfen konnten. Er hörte mir ruhig zu, und etwas Hoffnung keimte
wieder in mir auf. Er wurde daraufhin sehr ärgerlich und gab die Anweisung,
dass mein Sohn zu ihm gebracht werden sollte. In diesem Moment ging es meinem
Sohn wieder schlechter: er wand sich in Krämpfen und hatte Schaum vorm Mund.
Oh, er tat mir so leid! Dann unterhielt sich der Rabbi wieder mit mir und
stellte mir Fragen zur Krankheit meines Sohnes. Ich weiß nicht mehr genau, was
ich ihm antwortete, aber ich bat ihn um Hilfe – auch wenn Zweifel in mir
aufstiegen, ob er meinem Sohn überhaupt helfen könnte.

Er sah mich daraufhin streng an und sagte zu mir, dass ich auf Gott vertrauen
sollte – dann wäre alles möglich. Nie in meinem ganzen Leben hat mich etwas
tiefer getroffen als das, was der Rabbi jetzt zu mir sagte. Wie konnte ich Gott vertrauen?
Seine Abgesandten haben meinem Sohn doch auch nicht helfen können Ich
würde zu gern glauben, dass Gott ihn heilen könnte.

Noch nie in meinem Leben fühlte ich eine so tiefe Verzweiflung. Dann brach es aus
mir heraus:

„Ich glaube; hilf meinen Unglauben!“

Und das Unglaubliche geschah: Der Rabbi heilte mein Kind – der Geist wehrte sich
noch einmal, quälte meinen armen Sohn zum letzten Mal – und plötzlich – nach
schrecklichen Minuten – stand er vor mir – kerngesund und fröhlich. Ich schloss
ihn in die Arme. Die Freude, die ich empfunden habe, kann ich nicht in Worte
fassen. Und auch das tiefe Gefühl der Dankbarkeit für den Rabbi, für den wahren
Sohn Gottes, werde ich immer in meinem Herzen behalten – so hoffe ich.

Jörg Fricke