Freundliche Reden sind Honigseim,
süß für die Seele und heilsam für die Glieder.

Sprüche 16,24Juni 2019

Während meines Studiums hatte ich eine Veranstaltung, die um 14.30 Uhr
stattfand. Dank der ungünstigen Stunde um das Mittagessen, habe ich es tatsächlich
geschafft im ersten Monat des Semesters zwei mal zu spät zum Seminar
zu kommen. Der Dozent hat stillschweigend drüber hinweggesehen.
Als ich zum dritten mal zu spät kam, war ich auf ein Donnerwetter eingestellt.
Zu Recht. Mir selbst war die Situation peinlich und ich wartete darauf,
dass der Dozent seine ganzen maßregelnden Worte über mich ausschütten
wird. Zu meiner Überraschung waren seine Worte nach dem Seminar kein
bisschen kritisch, sondern sehr ermutigend. Dieses Ereignis werde ich nicht
vergessen. Es war so wohltuend statt der verdienten Kritik aufbauende Worte
zu hören. Diese Worte haben viel mehr in mir bewirkt als eine harte,
wenn auch berechtigte Kritik hätte bewirken können.
König Salomo ermutigt uns in seiner großen Weisheit, freundlich,
wohlwollend miteinander zu reden. In guten Zeiten ist das keine besondere
Herausforderung. Aber gerade in Konfliktsituationen, in Stresssituationen
sind freundliche Worte unheimlich schwierig zu finden und doch so wertvoll.
Sie wirken wort-wörtlich heilsam für Seele und Leib.
Die Glaubenserfahrung kann uns dabei helfen, freundlich miteinander
zu reden. Grundlage für diese Freundlichkeit ist für uns die Erfahrung, die
wir mit Jesus gemacht haben. Der Apostel Paulus redet von der
„Freundlichkeit und Menschenliebe unseres Heilandes“ (Titus 3,4). Das Wesen
Jesu ist Freundlichkeit, Liebe, Nähe, Wertschätzung. In den Evangelien
können wir viele Situationen sehen, in denen Jesus sich den Menschen
freundlich nähert. Auch wenn seine Worte klar und deutlich sind, so ist seine
Haltung eine Haltung der Freundlichkeit, der Liebe, der Güte. Dem Kranken
sagt er: „Deine Sünden sind dir vergeben“, den Verräter Petrus konfrontiert
er mit der Frage: „Hast du mich lieb?“, Der Vater empfängt den Verlorenen
Sohn mit einer Umarmung und mit der Einladung zum Fest. Jesus hat
sich allen Menschen aus allen sozialen Schichten genähert und hat mit den
Menschen freundlich, einladend geredet. Wenn wir die Worte Jesu in den
Evangelien lesen, wenn wir das Wort Gottes in der Bibel lesen, dann sind es
Worte, die unsere Situation klar und ohne zu beschönigen beschreiben. Aber
selbst die Gerichtworte Gottes sind begleitet von einer Einladung zur Umkehrt,
zur Gemeinschaft mit ihm, zur Erfahrung seiner Liebe und Güte.
Für uns Christen ist die Erfahrung der Liebe und der Freundlichkeit
Jesu ein wichtiges Fundament, eine wichtige Erfahrung. Wenn wir zu Jesus
kommen, dann ist uns seine Heiligkeit bewusst. In ihm ist keine Sünde, kein
Schatten, kein Fehler. Er ist vollkommen. In seiner Gegenwart wird mir
meine Schuld, meine Finsternis bewusst. In seiner Gegenwart verdiene ich,
dass er mich verurteilt, dass er mich richtet. Das Wunder ist aber, dass er
trotz seiner Heiligkeit freundlich mit mir redet. Seine Worte bewirken Heil
in unserem Herzen.
Als Christ ist die Erfahrung der Freundlichkeit, der Güte und Liebe
Jesu das Fundament unseres Glaubens und Lebens. Aus dieser Erfahrung
heraus kann ich auch anderen Menschen mit diesem Geist Jesu begegnen.
Es ist keine Kunst jemandem in einer kritischen Situation die Leviten
zu lesen. Jeder Mensch hat diese Fähigkeit. Getrieben von unserer Selbstgerechtigkeit,
Besserwisserei oder gar Zorn und Rache können wir bei Fehlern
von anderen doch sehr klar und unbarmherzig unsere Meinung sagen und
den anderen entblößen. Diese Einstellung und Vorgehensweise fragt aber
nicht: Und was kommt danach? Ich habe jemandem seine Sünden, seine
Fehler gesagt. Aber in sich ist das kein Ziel. Sondern das Ziel ist, dass dieser
Mensch umkehrt, Einsicht übt, seinen Weg, sein Leben verbessert, Buße tut.
Wenn ich das im Hinterkopf habe, dann werde ich versuchen den anderen
nicht mit dem Knüppel der (Selbst)Gerechtigkeit zu erschlagen, sondern ich
versuche ihn zu locken, so wie Paulus es schreibt: „Wir bitten euch, lasst
euch versöhnen mit Gott“. Es ist eine Bitte, nicht ein Befehl.
Weil wir die Freundlichkeit Jesu erlebt haben, weil wir das Heil seiner
Worte in unserem Leben erlebt haben, können wir auch dem anderen Menschen
mit Liebe und Freundlichkeit begegnen. Wenn uns freundliche Worte
gut tun, dann darf ich sicher sein, dass es dem anderen genauso geht. Warum
sollten wir einander also nicht so begegnen? Warum sollten wir als Christen
in der Gesellschaft an dieser Stelle keinen Unterschied machen?

Johann Vollbracht